„Eine zukunftsgerichtete Infrastruktur denken“, so lautet der Vortrag von Dr. Frank Mastiaux, Vorstandsvorsitzender der EnBW Energie Baden-Württemberg AG, zur 2. Erfurter Zukunftsrede am 19. Mai 2022, 18:00 in der Kaufmannskirche in Erfurt.
Nach der Rede sind eine moderierte Diskussion sowie ein Empfang geplant.

Vi-Strategie GmbH sucht bereits im Vorfeld einen ersten Meinungsaustausch zum Thema und bittet Expert:innen um Ihre Sicht bezüglich einer „zukunftsgerichteten Infrastruktur“ in puncto Energie-, Wärme-und Verkehrswende sowie beispielsweise auch der digitalen Durchdringung der Gesellschaft.
Die Statements sind wichtige Indikatoren, machen deutlich, wo wir stehen und was zu tun ist, fernab geschönter Beschreibungen.

Hier die Einschätzung von Dr. Stephan Lowis, Vorstandsvorsitzender envia Mitteldeutsche Energie AG, Chemnitz (11):

Dr. Stephan Lowis, Vorstandsvorsitzender envia Mitteldeutsche Energie AG, Foto: envia Mitteldeutsche Energie AG. 

786 GW oder versinnbildlicht 132.000 „State of the Art“ Windräder[1]: das ist der Ausbaubedarf der erneuerbaren Energien bis 2045 in Deutschland. Das sind 12 Windräder pro Tag, die nicht nur gebaut, sondern auch in die deutschen Stromverteil- und Übertragungsnetze integriert werden müssen. Eine aus heutiger Sicht phantastische Zahl. Erneuerbare Energien und Netzausbau brauchen daher einen wirksamen „Booster“, der nicht nur angemessene Investitionsbedingungen umfassen sollte. Wir brauchen vor allem mehr Tempo bei Planungs-, Genehmigungs- und Gerichtsverfahren und viel mehr Verwaltungsentscheidungen in viel kürzerer Zeit. Die Energiewende benötigt ihr eigenes Projekt „Lightspeed“[2]

Dabei lässt sich von der Impfstoffentwicklung in der Corona-Krise lernen. Hier ist es in einer internationalen Krisensituation gelungen, das mehrjährige Verfahren zur Entwicklung und Zulassung eines wirksamen Impfstoffes ohne Qualitätsverlust oder unnötige Risiken auf wenige Monate zu verkürzen.
Neben einer attraktiven finanziellen Ausstattung der Impfstoffentwickler kam es dabei vor allem auf den Willen der Zulassungsbehörden sowie der Politik an, innovative Wege in Prüf- und Zulassungsverfahren zu gehen. Nicht mehr und nicht weniger braucht es auch im zweiten großen globalen
Projekt unserer Zeit: der Klima- und Energiewende.

Auch bei dem Ausbau der erneuerbaren Energien, deren Integration in die Strom(verteil)netze und der Ausweisung der entsprechenden Flächen gilt es, mehrjährige Planungs-, Genehmigungs- und
Gerichtsverfahren drastisch zu verkürzen. Dazu gilt es insbesondere:

  • Planungs- & Genehmigungsbehörden sowie Gerichte personell und sachlich besser auszustatten und die Verfahren zu digitalisieren,
  • Synergien bei Naturschutzgutachten zu nutzen,
  • Parallelität in der Genehmigungspraxis zu ermöglichen,
  • den Stand der geltenden Gesetze zu Beginn des Verfahrens einzufrieren und
  • die materielle Präklusion auch bei umweltfachlichen Einwendungen wiedereinzuführen. 

Darüber hinaus muss das Verhältnis unterschiedlicher Interessen, z. B. zwischen erneuerbaren Energien, dazugehörigen Netzen und Naturschutz neu definiert werden. Das BMWK hat hier mit dem gesetzlichen Vorrang für erneuerbare Energien im EEG 2023 einen ersten Schritt getan. Es braucht aber zugleich auch einen gesetzlichen Vorrang für die dazugehörigen Verteilnetze, denn dort werden Wind- und Photovoltaik-Anlagen an die Stromnetze angeschlossen.

Neben einem gesetzlichen Vorrang für erneuerbare Energien sowie der Beschleunigung von Planungs- & Genehmigungsprozessen will die Bundesregierung auch die für Windenergie zur Verfügung stehenden Flächen erheblich ausweiten. Ein gesetzliches Ziel von 2% des Bundesgebietes für Wind an Land ist im Gespräch. Dieses Ziel macht aber nur Sinn, wenn auch die Erschließung – das heißt die Integration der Flächen und potentiellen Strommengen in die örtlichen Verteilnetze – vorausschauend erfolgt. Wir setzen uns daher für einen Paradigmenwechsel in Regulierung und Verteilnetzplanung ein: von einem nachgelagerten hin zu einem vorausschauenden Planungsansatz.[3]

[1] Ariadne Report 2021 „Deutschland auf dem Weg zur Klimaneutralität 2045“ (Oktober 2021) – Beispielrechnung legt moderne Windkraft-Anlagen mit durchschnittlich 6 MW Leistung zugrunde (On- & Off-Shore)

[2] „Projekt Lightspeed“ referenziert zur internen Projektbezeichnung der BioNTech SE für die Entwicklung ihres ersten COVID19 Impfstoffes.

[3] Bisher kann das Verteilnetz erst angepasst werden, wenn konkrete Wind- oder PV-Anlagen geplant werden. Auf Grund des großen zeitlichen Unterschieds in der Realisierung von erneuerbaren Anlagen (PV-Freiflächenanlagen können in 5 Monaten umgesetzt werden) und des Netzausbaus (momentan 7-10 Jahre) kann das zu erheblichen Problemen bei Anschluss und Transport der erneuerbaren Energien führen.

Dr. Stephan Lowis: Curriculum Vitae 

24. Januar 1969 geboren in Erkelenz (Nordrhein-Westfalen)

Ausbildung

1992 – 1997
Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln mit dem Abschluss Diplom-Volkswirt

1988 – 1992
Ausbildung zum Bankkaufmann, Vermögensberater bei der Kreissparkasse Heinsberg

1988
Abitur in Erkelenz

Beruflicher Werdegang

seit 1. September 2018
envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM), Chemnitz, Vorstandsvorsitzender MITGAS Mitteldeutsche Gasversorgung GmbH, Kabelsketal, Vorsitzender der Geschäftsführung

2017 – 2018
Chief Financial Officer (CFO) der innogy SE im Segment Netz und Infrastruktur

2005 – 2017
diverse Positionen als Abteilungsleiter und Bereichsleiter bei der RWE AG, Essen, und innogy SE, Essen, später nur innogy SE zuletzt Leiter beider Konzernbereiche Finanzen und Investor Relations

2001 – 2004
Senior Manager Zentralabteilung Finanzen, Stabsabteilung Corporate Finance und Mergers & Acquisitions bei der Franz Haniel & Cie GmbH, Duisburg

2002
Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Köln

1999 – 2001
Berater bei der TMS Unternehmensberatung, Köln, sowie Dozent an der Frankfurt School of Finance and Management, Frankfurt/Main

1997 – 1999
wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Köln